Vier Fragen an eine Rektorin und an drei Rektoren

von Josef Leidenfrost
v.l.n.r.: Mag. Dr. Johan Frederik Hartle, Akademie der bildenden Künste Wien (Foto: Victor Brazdil), Ao.Univ.-Prof. Dr. Martin Franz Polaschek, Karl-Franzens-Universität Graz (Foto: Harald Eisenberger), Mag.a iuris Brigitte Hütter, MSc, Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz (Foto: vog.photo), Prof. Dr. phil. et Dr. med. Hendrik Lehnert, Paris-Lodron-Universität Salzburg (Foto: Scheinast)

Frage 1: Durch eine immer inhomogenere Studierendenschaft, Stichwort „Millenials“, also selbstbewusste fordernde junge Menschen, ändern sich auch Erwartungshaltungen an ein Studium sowohl in Bezug auf Inhalte als auch auf Vermittlung. Wie gehen Sie damit an Ihrer Institution um bzw. wollen allenfalls besser umgehen?

Rektor Ao.Univ.-Prof. Dr. Martin Franz Polaschek (Karl Franzens Universität Graz)
Das Faktum einer zunehmend heterogenen Studierendenschaft ist für die Universität Graz nicht neu, schließlich sind diese Entwicklungen seit längerem beobachtbar. Die Universität Graz versucht Bildungsangebote zu machen, die dieser Situation gerecht werden. So gibt es regelmäßig Workshops für Lehrende, z. B. „High Noon – Didaktik zu Mittag“, in denen die Lehrenden sensibilisiert und auf diese Heterogenität vorbereitet werden.
Des Weiteren beteiligt sich die Universität Graz an der Didaktik-Werkstatt der Steirischen Hochschulkonferenz und bietet im Mai 2020 den Workshop „Umgang mit heterogenen Studierendengruppen“ an. In dieses Maßnahmenbündel fallen auch Unterstützung bei der Entscheidungsfindung in der Wahl des Studienfachs, Organisation und Gestaltung von Lernprozessen und Unterstützung von Selbstorganisation und -management der Studierenden.

Rektorin Mag.a Brigitte Hütter, MSc (Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz)
In den Lehrveranstaltungsevaluationen erhalten wir strukturiertes Feedback von unseren Studierenden. Durch die Kleinheit unserer Universität können wir unseren Kunststudierenden eine persönliche Betreuung bieten und es besteht grundsätzlich zu jeder Zeit die Möglichkeit für Feedback.

Rektor Dr. Johan Frederik Hartle (Akademie der bildenden Künste Wien)
Für die Akademie der bildenden Künste Wien ist eine diverse und heterogene Studierendenschaft keine neue Entwicklung. Im Allgemeinen sind Kunstuniversitäten Orte, an denen kulturelle Entfaltungsräume geboten werden und komplexe Prozesse kultureller und politischer Orientierung auf diverse Weisen angeregt und begleitet werden. Formen der direkten Kommunikation und der Nutzung moderner digitaler Kommunikationsplattformen sind auf diese Weise für den Alltag der Akademie der bilden-den Künste selbstverständlich. Für sogenannte Millennials bietet sich insofern ein durchaus adäquater Entfaltungs- und Entwicklungsraum.
Wir gehen mit vielfältigen Lehr- und Service-Angeboten auf die Bedürfnisse der Studierenden ein. Die Schaffung des „Student Welcome Center“ im Jahr 2018 war eine weitere Maßnahme, um die Serviceangebote und Studieninformation an der Akademie zu verbessern. Zudem liegt derzeit ein Projektantrag im Rahmen der Ministeriumsausschreibung zur digitalen und sozialen Transformation mit dem Titel „Zur Vielfalt ermutigen: Entwicklung einer prozessorientierten sozial inklusiven Informations- und Kommunikationsplattform für künstlerische Studien“ zur Beurteilung im Ministerium. Wenn über den Antrag positiv entschieden wird, und das Projekt umgesetzt werden kann, ist das ein wichtiger Schritt zur weiteren Verbesserung.
Neben den Bemühungen des International Office um einen regen Austausch unter Studierenden aus allen Ländern und der kritischen Begleitung des Auswahlverfahrens mit Blick auf Fragen sozialer Exklusivität, gehört die Unterstützung von Studierenden aus Drittstaaten (bei Visa-Fragen, mit Deutschkursen etc.) seit Jahren zu den strategischen Prioritäten der Universität.

Rektor Prof. Dr. Hendrik Lehnert (Paris Lodron Universität Salzburg)
Diese Herausforderung ist ja nicht ganz neu und begleitet die Universitäten seit der Bildungsexpansion der 1970er Jahre; gleich-wohl hat sie in den letzten Jahren an Dynamik gewonnen. Die PLUS begegnet ihr auf zwei Ebenen:
Auf der Ebene der Hochschuldidaktik wird schon seit Jahren versucht, die Vermittlung der Studieninhalte nicht nur an aktuellen Erkenntnissen der Didaktik zu orientieren, sondern auch die Lebensrealität der Studirenden zu berücksichtigen. Dies geschieht z.B. durch Angebote flexiblen Lernens, etwa E-Learning-Unterstützung. Zur Frage der sozialen Dimension hat in den letzten Monaten eine Arbeitsgruppe intensiv getagt, deren Ergebnisse in den kommenden Semestern schrittweise implementiert werden sollen, um Hürden für ein Universitätsstudium auf verschiedenen Ebenen abzubauen.
Um Maturant*innen Orientierung zum Thema Studienwahl zu bieten, wurde an der PLUS mit „Studieren Recherchieren“ ein Programm in Kooperation mit dem ÖH-Beratungszentrum Uni Salzburg etabliert, bei Schwierigkeiten im Lauf des Studiums gibt es Mentoring- und Coachingangebote.

2. Frage: Für Konflikte gibt es im Bereich der öffentlichen Universitäten verschiedene Instrumentarien, so die Schiedskommission explizit für die Vermittlung in Streitfällen von Angehörigen der Universität. Wer behandelt derzeit allfällige studentische Konflikte an Ihrer Institution? Planen Sie während Ihrer Funktionsperiode eventuell die Einrichtung einer Ombudsstelle für Studierende (zusätzlich zu Ombudsstellen zur Wahrung/Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis)? Wenn nein, warum nicht?

Rektor Ao.Univ.-Prof. Dr. Martin Franz Polaschek (Karl Franzens Universität Graz)
An der Universität Graz gibt es traditionellerweise eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen dem studienrechtlich monokratischen Organ, dem Studiendirektor/der Studiendirektorin und der Österreichischen HochschülerInnenschaft. In regelmäßig stattfindenden Jour Fixes zwischen der HochschülerInnenschaft und der Vizerektorin für Studi-um und Lehre/Studiendirektorin können Problemsituationen rasch analysiert und ge-meinsam sowie zeitnah Lösungen erarbeitet werden. Zusätzlich ist im Büro der Studiendi-rektorin ein anonymer „Kummerkasten“ eingerichtet, die Studierenden können sich mit ihren Anliegen jederzeit an diese Anlaufstelle wenden. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass dies ein sehr bewährtes Modell darstellt.

Rektorin Mag.a Brigitte Hütter, MSc (Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz)
Studentische Konflikte werden an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz im engen Austausch zwischen dem Vizerektorat für Kunst und Lehre, den betroffenen Studiengängen und, so es die Situation erfordert bzw. je nach der konkreten Situation, mit weiteren Interessensvertretungen (z.B. Studien- und Rechtsabteilung, Behindertenbeauftragte, Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen, ÖH etc.) behandelt. Zur Einrichtung einer Ombudsstelle für Studierende wurden – geschuldet der erst kurzen Amtszeit des neuen Rektorats und der noch fehlenden Abklärung struktureller Notwendigkeiten in diesem Bereich – noch keine konkreten Überlegungen getroffen. Ansprechperson für das Beziehungs-, Beschwerde-, Konflikt- und Verbesserungsmanagement an der Universität für künstlerische und industrieller Gestaltung Linz ist Mag.a Karina Koller (stv. Vorsitzende des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen sowie-Leiterin der Koordinationsstelle für Genderfragen).

Rektor Dr. Johan Frederik Hartle (Akademie der bildenden Künste Wien)
Neben dem schon erwähnten Student Welcome Center, sind die psychosoziale Beratungsstelle und die Vertrauensperson für Studierende mit Beeinträchtigungen wichtige Anlaufstellen für unsere Studierenden. Selbstredend können die Studierenden sich immer auch an die Studienabteilung sowie an die ÖH wenden. Vor allem im Bereich Anti-Diskriminierung ist der Arbeitskreis für Gleichbehandlung sehr aktiv und wird in Konfliktfällen hinzugezogen.
Es gehört zum Selbstverständnis der Akademie, insbesondere Fragen der Gleichbehandlung und der Diversität besonders ernst zu nehmen.
Dementsprechend genießt vor allem der Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen ein hohes Ansehen in der Universität und ist mit seinen Agenden eingebettet in umfassendere Fragen der Strategieentwicklung.

Rektor Prof. Dr. Hendrik Lehnert (Paris Lodron Universität Salzburg)
Es kommt darauf an, welche „studentischen Konflikte“ gemeint sind. Grundsätzlich gibt es an der PLUS ein bewährtes und etabliertes System des Umgangs mit Konflikten und – was noch wichtiger ist – ein konstruktives und lösungsorientiertes Miteinander aller Beteiligten. Eine wichtige Rolle spielt dabei die ÖH, die als Interessensvertretung und Serviceeinrichtung der Studierenden von der Ebene der einzelnen Fachbereiche bzw. Studienangebote bis zur Gesamtuniversität agiert.
Darüber hinaus steht das Beratungszentrum an der Universität Salzburg zur Verfügung, das die erste Anlaufstelle für Studierende an der Universität Salzburg bei Problemen ist und das mit seinen vielen Angeboten (Rechtsberatung, Mietrechtsberatung, Studienrechtsberatung) über hohe Problemlösungskompetenz verfügt. Ansprechpartner/innen auf Seiten der Universität stehen die Leiterinnen und Leiter der diversen Organisationseinheiten bis hin zum Vizerektor für Lehre und Studium zur Verfügung.
Hinzu kommen die vorgesehenen Einrichtungen bis hin zu gesamtuniversitären Schiedskommission. An eine Einrichtung einer weiteren Stelle ist derzeit nicht gedacht.

3. Frage: Im Bereich der öffentlichen Universitäten haben die Studienabteilungen, die Rechtsabteilungen und die Behindertenbeauftragen eigene Netzwerke zum Austausch der jeweiligen Expertisen. Auch für die mittlerweile bestehenden Hochschulombudsstellen gibt es seit 2016 ein Netzwerk (www.hochschulombudsnetz.at). Welche Erfahrungen könnte Ihre Institution im Bereich Beziehungs-, Beschwerde-, Konflikt- und Verbesserungsmanagement in eventuell dort einbringen?

Rektor Ao.Univ.-Prof. Dr. Martin Franz Polaschek (Karl Franzens Universität Graz)
Die Universität Graz ist Teil des Netzwerks der österreichischen Hochschulombudsstellen und wir stehen für einen professionellen Erfahrungsaustausch jederzeit zur Verfügung.

Rektorin Mag.a Brigitte Hütter, MSc (Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz)
Auch an der Universität für künstlerische und industrieller Gestaltung Linz bestehen die angesprochenen Netzwerke in der Studien- und Rechtsabteilung und seit 2006 auch eine Ansprechstelle für Personen mit besonderen Bedürfnissen. Ebenso ist die Universität für künstlerische und industrieller Gestaltung Linz im Hochschulombudsnetz vertreten. Die in diesen Netzwerken gemachten Erfahrungen sind wir selbstverständlich gerne bereit zu teilen bzw. die Ombudsstelle oder andere Universitäten in konkreten Fällen durch gewonnene Erkenntnisse zu unterstützen.

Rektor Dr. Johan Frederik Hartle (Akademie der bildenden Künste Wien)
Die Akademie ist dankbar für die Möglichkeit zum Austausch über solche Netzwerke. Die inhaltliche Vernetzung mit anderen Hoch-schulen funktioniert unter anderem auch über den Verein „Uniability“ (www.uni-ability.org) in Form von Vernetzungstreffen und der Möglichkeit über Mailinglisten aktuelle Fragen zu diskutieren.

(Schwerpunktthema aktuell ist zum Beispiel die Anpassung von Prüfungsmodalitäten bei psychischen Erkrankungen.

Rektor Prof. Dr. Hendrik Lehnert (Paris Lodron Universität Salzburg)
Die PLUS ist in zahlreiche interuniversitäre Netzwerke eingebunden und bringt ihre Erfahrungen bereits jetzt ein.

4. Für bisherige Erfahrungen Ihrer Institution mit der zentralen Ombudsstelle für Studierende im BMBWF würden wir Sie um eine kurze Einschätzung und Bewertung derselben bitten.

Rektor Ao.Univ.-Prof. Dr. Martin Franz Polaschek (Karl Franzens Universität Graz)
Die Universität Graz begrüßt ganz grundsätzlich eine Einrichtung, die Studierenden mehr Service und Beratung bringt. Wir haben mit der zentralen Ombudsstelle stets eine gute Zusammenarbeit gepflegt.

Rektorin Mag.a Brigitte Hütter, MSc (Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz)
Die Ombudsstelle für Studierende sehen wir als wichtige Plattform für die verschiedensten Belange im Zusammenhang mit den Themen Studium und universitäres Zusammenleben. Besonders schätzen wir den objektiven Blick von außen sowie den hürden-losen Zugang zu Information und Beratung.

Rektor Dr. Johan Frederik Hartle (Akademie der bildenden Künste Wien)
Der Newsletter der Ombudsstelle ist informativ und weist auf neue Entwicklungen hin, die Publikationen zu relevanten Themenbereichen, ergänzen das Angebot der Ombudsstelle. Zudem wird sehr geschätzt, dass die Ombudsstelle für Studierende jedes Semester interessante Fortbildungsveranstaltungen für Universitätsmitarbeiter_innen anbietet. Zuletzt haben wir gute Rückmeldungen von den Workshops „Bedrohungsmanagement“ und „Hochschul(amts)sprache“ bekommen. In Konfliktsituationen hilft zuallererst unser Arbeitskreis für Gleichbehandlung den Studierenden. Es ist aber darüber hinaus gut zu wissen, dass die Ombudsstelle Studierenden beratend zur Seite steht und eine weitere Anlaufstelle bei Konfliktfällen bietet. Wir danken für die gute Zusammenarbeit!

Rektor Prof. Dr. Hendrik Lehnert (Paris Lodron Universität Salzburg)
Das Angebot einer überinstitutionellen Anlaufstelle ist wichtig, wenn Studierende das Gefühl haben, dass ihr Anliegen innerhalb der Universität nicht ausreichend Gehör findet.

 

 

 

Über Josef Leidenfrost

Josef Leidenfrost ist seit 2012 Leiter der gesetzlich verankerten Ombudsstelle für Studierende im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Er hat mit Ausdauer den langen Prozess zur Institutionalisierung der Ombudsstelle im Inland betrieben und 2016 ein österreichweites Netzwerk mitbegründet.